Nicht ich singe. Es singt in mir.

Es gibt Momente beim Singen, die sich kaum erklären lassen.
Manchmal dauern sie nur wenige Sekunden.
Aber plötzlich fühlt sich etwas anders an.
Der Atem fließt. Der Körper trägt.
Die Stimme entfaltet sich, ohne dass wir das Gefühl haben, sie "machen" zu müssen.
Und für einen Augenblick verschwindet etwas, das uns beim Singen so häufig begleitet: Die Vorstellung, alles selbst machen zu müssen.
Viele Sängerinnen und Sänger kennen diesen Zustand. Häufig nennen wir ihn FLOW.
Doch unabhängig davon, wie wir ihn nennen, zeigt sich dabei etwas Entscheidendes:
Während unser bewusstes Eingreifen zurücktritt, bleibt der Körper hochaktiv.
Atmung, Muskulatur, Haltung, Schwingung, Wahrnehmung - unzählige Vorgänge organisieren sich miteinander, damit überhaupt ein Ton entstehen kann.
Und dennoch fühlt es sich an, als müssten wir selbst kaum etwas dafür tun.
Möglicherweise liegt genau darin ein Missverständnis im Umgang mit Stimme:
Wir verwechseln die selbstorganisierte Aktivität des Körpers mit dem aktiven Eingreifen unseres Willens.
Dabei entsteht die notwendige Aktivität längst im Körper selbst.
Die Frage lautet also nicht, wie viel wir tun müssen.
Sie lautet, wieviel wir geschehen lassen können.
In meinem Unterricht habe ich immer wieder Augenblicke erlebt, in denen genau das spürbar wird: Mein Gegenüber hört auf, die Stimme fortwährend herstellen zu wollen. Dadurch verändert sich etwas Wesentliches:
Der Ton entsteht als Folge. Nicht als Forderung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass wir beim Singen beliebig werden oder die Kontrolle verlieren.
Im Gegenteil.
Aufmerksamkeit bleibt. Wahrnehmung bleibt. Präsenz bleibt.
Nur ständiges Eingreifen tritt zurück.
Und manchmal verändert sich damit auch das Erleben des eigenen Singens.
Nicht:
Ich singe.
Sondern:
Es singt in mir.
Vielleicht besteht die Kunst des Singens deshalb nicht darin, den Körper immer besser zu beherrschen.
Vielleicht genügt es manchmal, ihm weniger im Weg zu stehen.
Damit führt dieser Gedanke fast zwangsläufig zu einer weiteren Frage:
Was wäre, wenn der Körper den Weg längst kennt?
Wir denken weiter.